//
you're reading...
Honda NC700X, Motorrad

Honda NC700X sowie Shoei J-Cruise – neues Bike und neuer Helm

Da hat es doch glatt meine schöne alte Honda NT-650 Deauville zerlegt. Hier ein Photo von vorne. Die Honda Deauville hat definitiv einen Totalschaden:

2014-04-15 08.17.14

Wie konnte das passieren?

Auf der Hauptstraße des Geschäftsviertels von Singapore, der Cecil Street, hat mich am späten Vormittag des 15. April 2014 ein Mercedes scharf geschnitten, um nicht zu sagen “umgefahren”. Er wollte aus einer Seitenstraße heraus senkrecht zur Fahrtrichtung quer über vier Fahrspuren nach rechts in ein Parkhaus einfahren. Damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe noch eine Bremsung mit 7m Bremsspur hingelegt, doch es half alles nichts. Zum Schluß sah ich, daß es nicht mehr reichen wird und ich habe ihm das Bike in den Zwischenraum zwischen Hinterrad und Rücklicht geschoben. Reichlich Platz zum Aussuchen hatte ich ja.

Vor lauter Schreck hat der Mercedes-Fahrer dann noch einen Satz nach vorne gemacht, was mich und das im Mercedes feststeckende Bike nach rechts rollen ließ. Ich machte eine Rolle seitwärts, was mir Kratzer an den beiden Unterarmen eintrug, aber das war es auch schon.

Bike kaputt, Fahrer ok. So muß es sein. Das funktioniert offenbar auch gut mit einem Bike, das vor 30 Jahren konstruiert wurde, wie man an der Honda Deauville sieht.

Hier noch ein Photo von der Szene nach dem Unfall.

IMG_0729

Schon seit einiger Zeit überlegte ich mir, ein neues Bike zuzulegen. Die stolze aber alte Honda Deauville war schon überständig. Alles fiel davon, die Verkleidung bekam Risse, die Dichtungen am Ventildeckel leckten. Die Deauville aber lief und lief und lief. Ein Klassiker an Zuverlässigkeit!

Habe ich die undichten Ventildeckel noch repariert und dabei gleich noch ein leckendes Schwimmerventil an einem der beiden Schwimmer-Vergaser (!) behoben, so konnte ich die Verkleidung nicht mehr dauerhaft retten, auch nicht mit noch so viel Epoxid-Harz.

Der Unfall kam also irgendwie nicht unrecht. Dem Fahrer des Mercedes konnte ich für sein Mißgeschick nicht einmal böse sein.

Ich zog also los zum Einkaufen. Es sollte wieder ein zuverlässiges Bike sein, mit gerade ausreichend viel Leistung, und dabei aber doch ordentlich aussehen, gerade so wie meine schöne alte Honda Deauville.

Dazu sollte das neue Bike gerade noch “unter dem Radar fliegen”, sich also sich nicht zu sehr von den Bikes der Einheimischen unterscheiden. Dann kann man nämlich auch mal auf dem Bürgersteig parken, ohne gleich einen Strafzettel zu bekommen.

Es fallen somt alle europäischen Marken aus, wobei noch hinzukommt, daß deren Ersatzteilversorgung schlecht und teuer ist. Die amerikanischen Bikes sind aus vielen grundsätzlichen Gründen ohnehin außen vor.

Es bleiben als Kandidaten in 2014 noch folgende Bikes: Kawasaki ER-6, Yamaha TDM und eben die Honda NC700X mittendrin zwischen den beiden Erstgenannten.

Ich habe dabei nicht lange überlegen müssen. Die Honda NC700X ist derzeit das Vernünftigste, was es in Singapore zu kaufen gibt. Honda hat im Januar 2014 einen Modellwechsel hingelegt, bei dem der Hubraum des Motors um 50 ccm vergrößert wurde. Die veralteten Modelle aus 2013 gibt es demnach zum Vorzugspreis.

Hier ein Photo aus dem Katalog:

Honda NC700X

Die Honda NC700X hat einen Twin mit liegenden Zylindern, die per Einspritzung versorgt werden. Das Fahrgestell wird auch ich einem Scooter verbaut und in einigen anderen Fahrzeugen, aber in der NC700X hat sie längere Federwege.

Die NC700X hat einen Kettenantrieb und deswegen habe ich gleich beim Kauf einen Hauptständer nachrüsten lassen. Damit kann man nämlich die Kette besser und einfacher schmieren als mit dem Seitenständer. Das war aber auch schon der einzige Extra-Schnickschnack.

Einer der wichtigsten ohnehin serienmäßig vorhandenen Schnickschnacks ist die Helmaufnahme dort, wo bei anderen Bikes der Tank ist. Sogar die Schutzbrille passt noch mit hinein, siehe hier

Honda NC700X Helmfach

Ganz unten im Helmfach ist eine Art Geheimschublade, in der man das Bordwerkzeug unterbringen kann.

Eine Schwierigkeit haben europäische Großköpfe wie ich: nicht jeder Integralhelm Größe 63 passt in das Helmfach hinein. Bei mir wurde es deswegen ein Jet-Helm des Typs J-Cruise vom Shoei, der auch noch mit einem altmodischen Kinnriemen daher kam, anstelle eines einfach zu bedienenden Druckschlosses, wie es im folgenden Bild gezeigt ist:

Shoei J-Cruise

 

Die Alternative wäre gewesen, einen Koffer für den Helm hinten auf das Bike zu montieren. Da hätte dann auch ein moderner und super-sicherer Klapphelm hinein gepasst.

Ich habe nach langem hin und her dann doch den Jet-Helm von Shoei genommen. Erstens vereinfacht der Jet-Helm das ganze Leben, denn man kann ihn in die dafür vorgesehene Ablage im Bike stecken. Zweitens habe ich auf der Deauville meinen alten Klapphelm sowieso nur in aufgeklapptem Zustand benutzt, also wie einen Jet-Helm. Drittens ist der Shoei auch noch aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigt und damit sehr sicher gegen Mikrorisse, die dadurch entstehen können, daß der Helm mal unabsichtlich vom Motorrad herunterfällt. Und viertens hat der Shoei auch noch eine Zulassung in Singapore. Die ist zwar nicht notwendig, aber der Verkäufer hat das mindestens 5 Mal während des Verkaufsgesprächs erwähnt, und dazu gesagt, daß es Voraussetzung für die Zulassung sei, daß man einen altmodischen Kinnriemen hat und eben kein Riemenschloß. Und fünftens hat der Shoei noch ein ein- und ausfahrbares Sonnenschild, wie ein Pilotenhelm bei der Luftwaffe. Cool!

Die Vorzüge des altmodischen Verschlussriemens habe ich übrigens schnell erfahren. Erstens ist der Riemen so lang, daß man den Helm bei vollständig gelöstem Kinnriemen aufsetzen kann, ohne den Kinnriemen komplett öffnen zu müssen. Ein auch nur halb geschlossener Kinnriemen ist aber allemal sicherer als ein Riemenschloß. Wie oft ist mir bei dem alten Helm das Riemenschloß nach dem Schließen unabsichtlich wieder aufgegangen? Außerdem kann man den Helm beim Tanken mit dem Kinnriemen über den Spiegel hängen, was bei einem Klapphelm mit Riemenschloß nicht so einfach geht. Schon oft ist mir der Klapphelm dabei heruntergefallen.

Damit sind wir schon bei der zweiten Aktion nach dem Abholen des Bikes: beim Tanken. Im Ausgleich für das Helm-Transportfach wurde der Tank unter die Sitzbank geschoben. Zum Auftanken muß man das Pussy-Pad hochklappen und man kommt an den putzig kleinen Tankstutzen, in den die Zapfpistole europäischen Ausmaßes gerade mal so hineinpasst, siehe hier

Honda NC700X Auftanken

Beim Auftanken spritzt wegen der japanischen Kleinheit des Einfüllstutzens immer etwas Benzin daneben und die Konstrukteure haben dafür gleich einen Trichter um den Einfüllstutzen herum gebaut, damit das überlaufende Benzin geordnet auf die Straße ablaufen kann. Typisch japanisch halt: in Japan baut man auch elektronische Spülungsgeräuschgeneratoren in Toiletten ein, damit die Damen in den hellhörigen Wohnungen ihre Geräusche beim Abgeben von gastreibenden Betriebsrückständen per Knopfdruck übertönen können. Unter dem fadenscheinigen Vorwand, daß man damit Wassr spart.

Übrigens sieht man oben im mittleren Photo schön, wie billig gerade nicht sofort sichtbare Details an der Honda NC700X gelöst sind. Einen solch simplen Tankdeckel könnte man ohne weiteres auch an an einem Baumarkt-Rasenmäher chinesischer Herkunft finden. Aber wen stört es, wenn sich das Ganze unsichtbar unterhalb des Pussy-Pads befindet?

Aber nun zur ersten Ausfahrt.

Beim Losfahren der Honda NC700X merkt man sofort ihren niedrigen Schwerpunkt und außerdem wie leise sie ist. Das Bike handhabt sich so einfach wie ein Elektrorad und es ist auch nicht viel lauter als ein solches. Die Beschleunigung ist sehr in Ordnung, überhaupt fährt sich das Bike bereits nach einigen Metern so als wie wenn man es schon Jahrzehnte unter dem Hintern gehabt hat. Die Bedienelemente am Lenker sind altgehabter Standard, alles ist so, wie man es erwartet, mit einer Ausnahme: angesichts des gesetzlich vorgeschriebenen Dauerlichts gibt es keinen Lichtschalter mehr, mit dem man das Licht ausschalten können. Das wird einmal zum Problem werden, wenn die Batterie schächer wird. Das Licht zieht dann soviel Strom, daß die Spannung zum Anlassen nicht mehr reicht. Wahrscheinlich werde ich wohl erst einen Lichtschalter montieren, bevor ich die Batterie auswechsle.

Die Scheibe ist viel kleiner als diejenige der Honda Deauville, aber das macht nichts. Im warmen Wetter von Singapore ist der Fahrtwind angenehm kühlend, zumal er von der kleinen Scheibe gut vom Gesicht weggeleitet wird. Problematisch kann es höchstens einmal werden, wenn man in den Regen kommt. Aber da bleibt man ohnehin besser stehen und wartet, bis der Regen vorbei ist.

Das Cockpit der Honda NC700X ist wohltuend einfach gestaltet. Der Drehzahlmesser ist ein schmales LED-Band, das sich am oberen Rand der Anzeige von links nach rechts erstreckt. Das genügt vollauf. Der Tacho sind drei große LCD-Zahlen, die man auch als Weitsichtiger gut ohne Brille ablesen kann. Genauso die Uhr, der km-Zähler und der Tages-km-Zähler.

Hier kurz, nachdem man den Zündschlüssel umgedreht hat, mit voller Beleuchtung:

2014-04-25 10.49.31

und hier, nachdem die aktuellen Werte angezeigt werden, aber bei ausgeschaltetem Motor:

2014-04-25 10.49.42

Erfreulicherweise ist das Display der Honda NC700X allgemein sehr einfach gehalten. Eine plapperhafte Ganganzeige sucht man vergeblich, das grüne Lämpchen für den Leerlauf genügt. Für den Tankstand gibt es eine Balkenanzeige, die blinkt, wenn der Tank leer wird.

Dann gibt es schon das erste Problem. Wie stellt man die Uhr ein? Die Bedienungsanleitung ist japanisch, aber wer schon vor 35 Jahren japanische Quartzuhren einstellen konnte, der hat auch hier Erfolg. Meine Uhr läuft jetzt jedenfalls richtig und die beiden Tages-km-Zähler kann ich auch zurücksetzen (3 Sekunden auf der rechten Taste bleiben).

Und beim Fahren merkt man gleich, daß man doch über 200kg unter sich hat. Das Bike liegt trotz seiner Beweglichkeit satt auf der Straße wie ein nasser Waschlappen, ein sehr beruhigendes Gefühl. Der Geradeauslauf ist perfekt, man könnte kilometerweise freihändig fahren, wenn man den Gasdrehgriff feststellen würde. In enge Kurven wie auf Autobahnauffahrten und auf Bergstraßen legt sich die NC700X fast wie von selbst, ein kurzes Kommando am Lenker zusammen mit einem leichten Druck eines Schenkels genügt und sie reagiert brav. Ja, wir haben eine schöne Bergstraße in Singapore, nämlich die Verbindungsstraße von Buena Vista South runter zum West Coast Highway, quer durch den Kent Ridge Park, siehe hier

Singapore Kent ridge park

Die Straße ist etwa zwei Kilometer lang und sie hat dabei etwa 150m Höhenunterschied. Sie hat sieben sehr spektakuläre Kurven, in denen man sich ohne weiteres sauber verunfallen kann. Nicht umsonst wurden hier bis in die 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts Motorrad-Bergrennen veranstaltet. Niemand außer mir scheint sich heute noch für diese Kesselberg-Atmosphäre in Asien zu interessieren.

Doch nun zum Bremsen. Die NC700X hat vorne ja nur eine einzige Bremsscheibe, nämlich rechts. Siehe hier

NC700X brakes

Das erinnerte mich gleich an mein allererstes Motorrad mit Bremsscheibe vorne, die schöne alte Kreidler Mustang 80. Wenn man bei der vorne gebremst hatte, dann hat das Bike von selbst zu lenken angefangen. Wahrscheinlich war es die schmale Gabelbrücke oder auch das Speichenrad der Kreidler Mustang 80. Das Bremsen erzeugte eine Verformung, die sich auf das Lenken auswirkte. Jedenfalls verhält sich die NC700X heute nicht so. Man bremst vorne ein und das Bike fährt immer weiter geradeaus, und zwar schnurstracks.

Und das war es dann auch schon an Fahr- und Verwendungseindrücken des ersten Tags.

Beim Abstellen merkt man übrigens sofort, daß die Honda NC700X viel kleiner ist als die alte Honda Deauville: die passende und knapp sitzende Stoffgarage für die alte Deauville flattert ihr nur so um die Hüften, siehe hier

2014-04-30 03.01.16

 

Nach 200km Fahrt steht mein Urteil schon fest: insgesamt ein modernes und einfaches Bike, die Honda NC700X! Und dabei sogar auch noch schön. Sie sieht aus wie ein echtes großes Motorrad.

Eines darf man von der Honda NC700X allerdings nicht erwarten: ein aufregendes Fahrgefühl. Vielmehr hat sie den Charme einer drei Tage alten Zeitung, vorgelesen von einem Finanzbeamten. Aber wen stört das schon? Ich wollte ja genau so ein unkompliziertes und robustes Alltagsbike.

Advertisements

About 888ms

Deutsch in Asien

Discussion

No comments yet.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: